Franzpeter Messmer

Auf der Suche nach dem Klang der Welt

Kolumnen


Drohnenkrieg und archaische Denkmuster

In der vergangenen Woche wurde der iranische General Kassem Soleimani durch eine amerikanische Drohne getötet. Was bedeutet diese moderne Kriegsform für unsere Kultur? Die Drohnenpiloten sitzen am Bildschirm, wertetn Datenbanken aus, geben GPS-Koordinaten ein, schicken das Gerät auf den Weg, trinken dabei vielleicht eine Coca-Cola, chatten möglicherweise mit der Freundin, während die Drohne ihr Ziel sucht und ihre Raketen abschießt. Abends bei einem Glas Wein und einer Pizza schaut man sich dann das Ergebnis in den Nachrichten an. Die Maschinen erledigen die schmutzige Arbeit, während man selbst das schöne Leben genießt. Die Drohne vermeidet Menschenopfer zumindest unter den eigenen Leuten, und wenn sie erfolgreich ist, wie bei General Soleimani, erfreut man sich an einer klinisch sauberen Operation.
Wer diese Technik weiterentwickelt, vielleicht noch Bodenkampfroboter einsetzt, die es ja auch schon gibt, der kann einen Gegner auslöschen, ohne einen großen Krieg anzetteln zu müssen. Er wird die Vorteile hervorheben, z.B. dass Soldaten nicht mehr sterben müssen. Man kann nun direkt die Drahtzieher ausschalten. Also wieder ein Kampf zwischen den Anführern, von Mann zu Mann? Das würde – zynisch gesprochen – doch immerhin das Leben vieler einfacher, friedfertiger Menschen schonen. Dem ist freilich nicht so. Es gab viel zu viele Irrtümer der Drohnenpiloten. Beispielsweise wurden Bauern auf ihren Feldern, sogar friedliche Hochzeitsgesellschaften in Afghanistan und im Jemen ausgelöscht. Wenn die Daten nicht korrekt ausgekundschaftet werden, gibt es Kollateralschäden, allerdings nicht auf der eigenen Seite.
Was geht in den Gehirnen von Menschen vor, die für diesen Drohnenkrieg die Verantwortung tragen? Ich vermute, da trifft eine moderne Technik auf Menschengehirne, in denen sich verschiedenste Denkmuster überlagen, die möglicherweise zum Teil bis in die Anfänge des Homo sapiens vor Tausenden von Jahren zurückreichen: kriegerische Aggressivität verbunden mit der Idee vom gerechten Krieg, was den Mythos vom archaiischen Helden prägt, der außerhalb der Gesetze agiert, aber moralisch im Recht ist, wie er bis heute in Form des Westernhelden weiterlebt, der übrigens nicht nur in den USA viele Anhänger hat. Kurzum, diese alten Denkmuster sind viel stärker als Vernunft und Weitsicht. Die USA und ihr Präsident Donald Trump stellten sich mit ihrem Drohnenangriff außerhalb der Gesetze, die verlangt hätten, dass die Schuld von Soleimani vor einer Hinrichtung in einem ordentlichen Prozess hätte nachgewiesen werden müssen. Der von Präsident Obama eingeführte Drohnenkrieg öffnet also das Tor zu Willkür und Rechtlosigkeit.   
Kulturelle Denkmuster, zu denen seit Jahrhunderten das Heldenbild des Kämpfers für das vermeintlich Gute gehört, und künstliche Intelligenz des 21. Jhs., wie sie die Drohnen auszeichnet, gehen eine gefährliche Verbindung ein. Menschen, denen es nicht um Macht und Aggression geht, müssen auf der Hut sein.

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