Oslo, 10. September 2016

Ich war noch nie im Norden. Vom Flugzeug sehe ich die Brücke, die von Schweden auf eine schmale Insel führt, wo die Straße dann scheinbar endet. Dass die Autos anschließend in einem Tunnel nach Dänemark weiterfahren können, ist von oben nicht zu erkennen. Oslo liegt unter Wolken, nördlich kalt eben, wie wir vermuten. Vom Bus aus sehen wir gerade erst abgemähte Kornfelder, viel Grün und Wald, dazwischen Seen.

Oslo empfängt uns mit schwüler Wärme. Die Gebäude in der Nähe des Busbahnhofes sind groß und grau. Ich denke, wie London. Unser Hotel erreichen wir schweißgebadet und werden dort mit viel Komfort, insbesondere überaus weichen Boxspringbetten empfangen. Wir erkunden die Stadt zu Fuß und auf gut Glück. In der Nähe finden wir den Dom, eine mittelalterliche, festungsartige Kirche, innen mit einer eindrucksvollen gothischen Abendmahldarstellung und modernen, ein wenig jugendstilhaft wirkenden Deckengemälden. Von dort gehen wir in Richtung Meer und gelangen zur Festung. Uns überholt ein Rolls Royce mit einem etwas steif darinsitzenden Brautpaar, einige Herren in Uniform überholen und Fauen in norwegischer Tracht begegnen uns. Sie alle gehen auch auf die Festung, wo eine Feier stattfindet. Wir wissen nicht, was für eine Feier dies ist und fühlen uns fremd. Die norwegische Sprache hat viele Ähnlichkeiten mit der unsrigen, aber schnell gesprochen hören wir nur einige bekannte Worte heraus. Wären wir keine Touristen, sondern zum Beispiel Flüchtlinge, müssten wir in einer uns so fremden Welt – und sie wäre uns noch viel fremder, da wir aus Arabien oder Afrika kämen – ohne Geld irgendwie Fuß fassen. Da ist ein kleines Reiseabenteuer nichts dagegen!

An der Festung empfängt uns großartiger Operngesang. Halbszenisch mit elektrischem Klavier und hervorragenden Sängern wird hier eine italienische Oper auf einer Freilichtbühne dargeboten. Etwa zweihundert  Leute sitzen auf den Stühlen und hören konzentriert zu. Insbesondere eine etwas beleibtere Sängerin hat eine wunderbare Stimme und singt so, als ob sie sprechen würde. Klassische Musik ist hier gar nicht elitär, sondern ein Teil des Lebens. Übrigens singt sie auch viel besser als Frau Netrebko, die ich gestern im Fernsehen gehört habe.

OsloVon der Festung gelangen wir zum etwas martialisch wirkenden Rathaus und vor dort zum alten Hafenviertel Aker Brygge, wo wir wohl die besten Muscheln unseres Lebens essen. Wir sitzen im Freien, allerdings durch ein Dach und Glasscheiben vom Wind geschützt und schauen zu, wie unzählige Menschen den Samstag Abend zu einem Hafenspazierung nutzen. Wie auch anderswo und schon immer ist diese Flaniermaile eine Art Laufsteg: Frauen in Abendkleidern, in den schon erwähnten Trachten, eine Japanerin mit blonden Zöpfen, Araberinnen in Burkas, viele Jungens, die nur auf ihre Smartphones blicken und Pokémon jagen, ein sehr eleganter schwarzer Inline-Künstler, der manchmal in Zeitlupe, dann wieder in rasendem Tempo seine Pirouetten dreht und mindestens zwanzig mal an uns vorbeifährt. Es ist ein Sommerabend voller Wärme, Lebensfreude, Vielfalt. Eigentlich würden wir einen solchen Abend in den Süden verorten. Doch das hat sich als Vorurteil erwiesen: Oslo ist eine Stadt der Leichtigkeit und Lebensfreude.

OsloZurück gehen wir zum Schloss, zur Karl Johanns Gate, sehen eine riesige Stretchlimousine mit einem Champagner trinkenden Brautpaar, das viel lustiger dreinblickt als das im Rolls Royce. Nach diesem Spaziergang wissen wir, dass dieses Oslo nichts mit den selbstquälerischen Bildern eines Charles Munch zu tun hat und meine bisherigen Vorstellungen vom Norden wohl falsch sind.

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