Daugendorf, 25. September 2016

Heute habe ich Knut Hamsuns Roman Mysterien zu Ende gelesen. Manches in diesem Roman ist zeitlos und heute noch aktuell.

Da landet mit dem Schiff ein Fremder in einer kleinen norwegischen Stadt. Er trägt einen gelben Anzug, worin er sofort auffiel, wenn er auf der Straße ging oder ein Restaurant betrat, waren doch Bürger um 1900 in gedeckten Farben, zumeist dunklen Anzügen gekleidet.

Heute fallen die Fremden – die Flüchtlinge aus Syrien und Afrika – genauso auf. Dieser Fremde in Hamsuns Roman, er heißt Nilsen Nagel, versteckte sich nicht in seinem Fremdsein; er handelte damit ein wenig wie muslimische Frauen heute, die den Hidschab oder eine Burka tragen, um klar zu zeigen, dass sie anders sind, nämlich Muslime. Sicherlich viele von ihnen tun dies aus religiösen Zwängen, doch es gibt mittlerweile auch manche junge Frauen, die dies selbstbestimmt tun, so wie Nagel mit seinem gelben Anzug.

Dieser Nagel bekennt sich freilich nicht zu einer anderen Religion wie dies bei den heutigen muslimischen Frauen der Fall ist. Es geht in Hamsuns Geschichte auch gar nicht um Religion. Aber Nagel denkt und handelt anders als die Menschen in dieser Kleinstadt. Er erlebt dort eine hässliche Szene im Hotelrestaurant, als der Assessor einen behinderten Menschen, er hat den Spitznamen Minute, dazu bringen will, zu tanzen, und ihm Geld verspricht, wenn er dies tut. Wenn dieser verkrüppelte Mensch tanzen würde, hätten die Männer im Lokal viel zu lachen über seine Tollpatschigkeit und grotesken Bewegungen. Doch Nagel tritt dazwischen und gerät dadurch in einen Streit mit dem Assessor. Er gibt Minute großzügig Geld, ohne dass er tanzen muss, unterhält sich mit ihm wie mit einem vernünftigen Menschen (und das ist Minute ja auch, obwohl ihn die Stadtbewohner wie einen geistig zurück gebliebenen behandeln) und versucht, sein Vertrauen zu gewinnen. Nagel ist also ein Mensch, der für die Schwachen einsteht, ein Gutmensch sozusagen, um dieses Wort unserer Tage zu gebrauchen.

Die Menschen in dieser Küstenstadt grenzen Nagel nicht aus. Sie suchen sogar seine Gesellschaft, da er ein charmanter Gast ist, der mit seinen Erzählungen über ferne Länder die Eintönigkeit des gesellschaftlichen Lebens durchbricht. Aber er muss sich bei dem Assessor für den Streit über Minute entschuldigen. Auch verbietet er Minute, den anderen von seiner Großzügigkeit zu erzählen. So kauft er ihm einen Mantel und tut so, als ob der Assessor, der ihm einen Mantel versprochen hatte, aber dieses Versprechen nicht einhielt, ihn für Minute besorgt hätte. Also Nagel versucht, sein Handeln als „Gutmensch“ zu tarnen. Er will die anderen, die hart, ohne Empathie und Hilfsbereitschaft sind, nicht herausfordern. Was gut und böse ist, ist auch gar nicht so klar. Bringt nicht gerade Nagels Mitgefühl und Großzügigkeit die Ordnung dieser kleinen Stadt durcheinander?

Nagel sucht Liebe und Zuneigung. Doch keiner in der Stadt will ihm offen diese Zuneigung schenken. Er hat sich in die Pfarrerstochter verliebt, die eine Stadtschönheit ist, und die ihn letztlich abweist (sie ist mit einem Marineoffizier verlobt). Aber auch die zehn Jahre ältere Jungfer Martha Gude, der Nagel dann einen Heiratsantrag macht, will ihn nicht heiraten.

Nagel ändert sich nicht, trägt weiterhin seinen gelben Anzug, bleibt ein Fremder, fühlt sich ausgestoßen und entwickelt eine schon fast krankhafte Hysterie. Er hat schon immer ein Fläschchen mit Blausäure bei sich getragen, um – falls notwendig – sein Leben beenden zu können. Nun geht er hinaus in den Wald, legt sich auf den Boden und trinkt das Gift. Doch sein Selbstmord misslingt: Minute, der das vorausgesehen hat, hatte die Blausäure mit einem blau gefärbten Wasser vertauscht. Freilich stirbt Nagel dann an einem Fieber, das er sich geholt hat.

Nagels Selbstmordversuch ist ein Aufschrei gegen die Welt, wie er sie erlebt, gegen ihre Hartherzigkeit, ihre Lieblosigkeit und die starren Regeln. Als ihn auch noch die Jungfer abweist und er Minute wieder tanzen sieht, erkennt er, dass nichts zu ändern ist. Stattdessen müsste er sich anpassen. Doch da geht er lieber in den Tod.

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