Daugendorf, 9. Oktober 2016

Ein grauer Oktobertag. Nachts im Fernsehen: die Echo Klassik Preisverleihung. Ich bin gespalten: Einerseits freue ich mich, dass zwei Stunden lang klassische Musik im Fernsehen gezeigt wird, dass wunderbare Musiker ihre Kunst zeigen, andererseits ärgere ich mich, dass hier die gängigen Vorurteile gegen klassische Musik bestätigt werden: Das Publikum besteht ganz offensichtlich aus lauter Männern in Anzügen und Damen in teuren Kleidern. Schwellenangst wird hier auf-, aber nicht abgebaut. Wer klassische Musik hört, ist reich, arriviert und gehört zu den oberen Zehntausend, sehen die Leute, die vor ihren Bildschirmen hocken. Dass viele Komponisten zu ihren Lebzeiten Not litten, also nicht zu den Arrivierten gehörten, dass es in klassischer Musik oft um Leid, Angst, um Suche nach Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe geht, will hier niemand wissen. Vielmehr wird klassische Musik zum Hochglanzprodukt gehobenen Lifestyles umgewertet.

Thomas Gottschalk als Moderator ist charmant, findet oft witzige Pointen, weist aber darauf hin, dass klassische Musik etwas für alte Menschen ist und nicht für junge. Das mag Selbstironie sein, stimmt aber offensichtlich nicht ganz; denn viele der Preisträger sind noch sehr jung (wie etwa die beiden wunderbar spielenden Solistinnen Khatia Buniatishvili und Asya Fateyeva). Leider bleibt das, was an diesem Abend gesprochen wird, zumeist weit unter dem Niveau der Musik. Klassische Musik wird hier heruntergeredet und es entsteht der Eindruck, dass die Macher dieser Sendung ihr Publikum für ziemlich dumm halten.

Was bleibt hängen? Klassische Musik ist festlich. Es gibt Stars, die man anhimmeln kann und die wie Diven auftreten (Anna Netrebko). Diese Musik erinnert an die gute alte Zeit (sagt Thomas Gottschalk) vergleichbar den Royals und anderen Adeligen, denen sich Klatschzeitungen wie die Bunte widmen. Klassische Musik ist perfekt, schön, eminent schwierig, eine Art Zirkusakrobatik, ist aber leicht zu hören und besteht aus Schlagern, nämlich Opernarien und anderen Ohrwürmern, die wie Pralinen präsentiert werden.

Ist das so schlimm? Nein gewiss nicht. Immerhin sehen die Zuschauer, dass der Boxer Henry Maske den Gesang von Andrea Bocelli liebt und dass die Krimiautorin Donna Leon auf Barockmusik abfährt wie andere auf Metal Music (dass sie dabei wirklich cool und authentisch auftritt, zeigt, dass wir Alten auch noch ganz schön jung sein können). Sie hören, dass es neben stimmlichen Kraftakten wie bei Anna Netrebko auch Sängerinnen und Sänger gibt, die sehr klar artikulieren und unangestrengt wirken, aber umso eindringlicher singen und auch so die Zuschauer vor dem Fernsehschirm in ihren Bann ziehen können: das bewiesen Philippe Jaroussky und Olga Peretyatko. Alfred Brendel las ein kurzes Gedicht vor und lehrte, dass man auch geistvoll und pointiert reden kann.

Klassik im Fernsehen? Von einem Gebühren finanzierten Sender wie dem ZDF erwarte ich mehr als von RTL. Aber was soll’s? Die Musik, die erklungen ist, hat vieles gerettet, finde ich als Klassik-Liebhaber.

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