Französische Malerei des 19. Jahrhunderts

München, 12. Oktober 2017

Ich besuche die Ausstellung „GUT, WAHR, SCHÖN“ in der Kunsthalle München. Zu Beginn begrüßt mich „Die Quelle“ von Jean Auguste-Dominique Ingre: ein Frauenakt auf der Suche nach idealer Schönheit, eine Allegorie („Schönheit als Quelle“) und zugleich ein naturalistisches Bild, das sich der Fotographie nähert. Die Bilder der folgenden Räume schwelgen in Ideallandschaften, klassischen Kompositionen, verbunden mit einem Realismus, der die Schönheitsideale in Frage stellt.

Ich habe das Gefühl, dass ich hier einem Bruch im Bewusstsein der Künstler und der Menschen im 19. Jahrhundert auf der Spur bin: der Glaube, dass Schönheit und Wahrheit zusammenpassen, ist zunehmend erschüttert. Die Schönheit von Frauenakten nähert sich dem Pin-up-Model, der griechische Mythos von der Pastorale, der Hirtenwelt wird zum Boudoir und das Boudoir, die Salons der Kunst und Literatur zum Bestandteil großstädtischer Vergnügungssucht.

Doch dann entdecken die Künstler die einfachen und armen Menschen, malen abgearbeitete Hände, Gesichter voller Härte und Leiden, wenden sich von den antiken Schönheitsidealen ab, zeigen das Hässliche. Am schrecklichsten ist dies in Alphonse de Neuville’s „Friedhof von Sain-Privat“ mit den Leichen gefallener Soldaten zu sehen. Aber auch in der Realität gibt es Schönheit, etwa die Schönheit der freien Natur, wie sie die „Landstreicher“ von Jules-Alexis Muenier erleben, oder die spröde Schönheit des einfachen Lebens, wie sie die müde Landarbeiterin nach der „Heuernte“, gemalt von Jules Bastian-Lepage, widerspiegelt.

Aber ist die Realität, die wir sehen können, auch die Wahrheit? Daran zweifeln manche Künstler um 1900: Maler wie Pierre Puvis de Chavanne oder Henri Martin zeigen Traumwelten, etwa zur gleichen Zeit, als Sigmund Freud das Unterbewusstsein zu erforschen begann. Diese Traumwelten gehen nicht mehr nur vom antiken Schönheitsideal aus, sondern lassen sich von vielen anderen Mythen inspirieren, etwa von der „bretonischen Legende“ in Edgard Maxence’s gleichnamigem Gemälde. Mythen werden nun zu Symbolen für das Unterbewusste.

Was ist schön? Was ist wahr? Was ist gut? Diese Ausstellung regt zu vielen Fragen an und bietet Stoff zu reichlichem Nachdenken.

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