München, 13. Oktober 2017

Bei der diesjährigen Residenzwoche höre ich das Konzert von Friederike Heumanns Ensemble „Stylus Phantasticus“ zusammen mit Maria Cristina Kiehr. Das Besondere an diesen Konzerten ist, dass sie in einem der schönsten und außergewöhnlichsten historischen Räumen Münchens stattfinden: im Antiquarium. Dieser langgestreckte Saal ist eine Art frühes Museum der ausgehenden Renaissance, das Herzog Albrecht V. für seine Sammlung antiker Skulpturen bauen ließ. Die Deckengemälde mit den Ansichten der wichtigsten bayerischen Städte zeigen zugleich die Schönheit Bayerns. In diesem prächtigen Raum, vor den antiken Skulpturen spielten die Musiker wunderbar klangschön, sehr differenziert artikulierend Kompositionen des frühen Barock von Rupert Ignaz Mayr, Johann Heinrich Schmelzer, Georg Muffat, Johann Christoph Pez und Giovanni Antonio Rigatti. Musik und Architektur entführten in einer Art Zeitreise in das alte, frühe München, das für die meisten dort lebenden Menschen eine Terra incognita ist, insbesondere für die jungen: das Publikum war genauso grauhaarig wie ich. Wir Liebhaber alter Musik, die wir vor über 30 Jahren gegen den Klassikbetrieb aufbegehrten und auf historische Aufführungspraxis und historische Instrumenten setzten, dabei gegen falsch verstandenen Fortschrittsglauben ankämpften und ein neues Hören forderten, sind nun auch bei den „Alten“. So war dieses schöne Konzert nicht nur eine Zeitreise zurück in die Renaissance und den Barock, sondern auch in die Jugend.

Als ich dann in der U-Bahn heimfuhr, tauchte ich wieder in der Gegenwart auf: Neben mir saß ein Herr etwa meines Alters, der zu einem ausländisch wirkenden jungen Mann, der sich ihm gegenüber setzte, sagte: „In Deutschland sagt man Grüß Gott,“ worauf der junge Mann erwiderte: „Ich bin Deutscher und weiß so gut wie Sie, dass es nicht üblich ist, in der U-Bahn zu grüßen.“ Die junge Frau neben ihm beteiligte sich an dem Disput: „Bei mir haben Sie auch nichts gesagt, als ich mich ohne Grüßen setzte.“ Der hinter dem jungen Mann stehende Freund baute sich vor dem Alten auf: „Gibt es ein Problem.“ Es lag Aggressivität in der Luft. Dann mussten die jungen Leute aussteigen wie ebenso auch ich. Während des Wartens auf die nächste U-Bahn beobachtete ich viele Sammler von Pfandflaschen, manche in höherem Alter, die wohl ihr kärgliche Rente aufbessern müssen, manche jung und wahrscheinlich arbeitslos.

Ist Alte Musik eine Gegenwelt? Eine Flucht in die Schönheit, Klarheit und Reinheit von Klängen? Ist sie wie das Antiquarium museal? Sind Museen Orte, in denen sich das von der Vergangenheit erhalten hat, das von der Banalität, Aggressivität und vom Leid des Alltags entrückt als Höhe des Geistes und menschlicher Kunst zeitlos überlebt hat? Doch auch damals gab es viel Elend. Macht Kunst das Elend vergessen? Oder ist sie die Ahnung dessen, was wir Menschen sein könnten, aber es in der Wirklichkeit nicht sind? Sind Meisterwerke der Kunst und Musik also Dokumente des Scheiterns der Menschheit, da sie nur in der Kunst ihren Ansprüchen an Schönheit, Wahrheit, Harmonie, geistige Durchdringung gerecht wird, nie aber im Leben?

Vielleicht sind das merkwürdige und abwegige Fragen. Aber sie gingen mir an diesem Abend durch den Kopf.

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