Chaotischer Verkehr, Müll und ein Dach-Palmengarten

17. April 2026   Die Ryan-Air-Maschine ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Kristall klar unter uns die Alpen, der Trasumener See grünlich, der Lago di Bolsena in tiefem Blau, dann die Küste bei Ostia, das freie Meer, die Sizilien vorgelagerten Isole Eolie und schließlich die Bucht von Palermo. Die Welt von oben wirkt schön und friedlich. Wie stets bei einer Flugreise würde ich am liebsten oben am Himmel bleiben: ein Gefühl der Schwerelosigkeit, der Distanz, des Über-den-Dingen-Schwebens. Der Flughafen von Palermo liegt weit außen, direkt am Meer. Wir haben ein Taxi bei Welcome pickups gebucht. Der Fahrer, Andrea, schickt uns eine WhatsApp, dass er schon auf uns wartet, als wir noch beim Gepäckband warten. Am Steuer seines schwarzen Mercedes Vito schwärmt er von den Stränden, an denen wir vorbeifahren, vom sizilianischen Essen und warnt uns vor dem Verkehr in Palermo: Hier kann nur fahren, wer in Palermo aufgewachsen ist. Als wir uns der Altstadt nähern und die Straßen immer enger werden, müssen wir ihm recht geben: Ein Gewirr von Autos, Motorrollern, Fußgängern, die Gassen so eng, dass der dickte Mercedes kaum durchkommt. Doch Andrea behält die Nerven. Schließlich hält er in der Via Gioiamia 23, wo unsere Airbnb-Wohnung liegt: Wenig einladend steht die Mülltonne vor der Eingangstüre. Als wir klingeln, meldet sich der Wohnungsmanager von Wonderful Italy. Er öffnet nach einigen Minuten die Türe und ein Treppenhaus mit Marmostufen empfängt uns. Allerdings müssen wir viele Stufen hinaufgehen: Unser Apartment liegt im fünften Stock. Anstrengend. Aber wir haben eine schöne Dachterrasse, auf die wir als erstes hinausgehen: Unter uns heruntergekommen wirkende Wellblechhütten, gegenüber ein Haus mit einem Palmengarten auf dem Dach. Der erste Eindruck: faszinierend, aber fremd. Da wir dringend Wasser benötigen, um unseren Durst zu löschen, steige ich die vielen Treppen hinunter und suche nach einem Laden. Den Supermarkt an der Piazza Beati Paolo übersehe ich, lande schließlich in einem kleinen Geschäft, in dem mich ein freundlicher, arabisch wirkender Mann bedient. Ich gehe die Parallelstraße zurück, die endlich so ist, wie ich mir Palermo vorgestellt habe: sehr enge Straßen, viele Geschäfte, ein buntes Treiben. Abends suchen wir ein Restaurant. R. hat in Google Maps La Galleria ausfindig gemacht. Dazu gehen wir in Richtung Kathedrale, üben erstmals, uns inmitten des Verkehrs in Palermo zu bewegen. Die engen Straßen fordern ständig einen wachen Blick und aufmerksame Ohren, um Vespas und Autos auszuweichen. Wir gehen an Kunststoffsäcken mit Abfall vorbei, Mülltonnen stehen herum und Papier und Flaschen liegen auf der Straße. Aber daran gewöhnt man sich. Schließlich sieht man das gar nicht mehr. La Galleria liegt in einer engen Gasse, kurz vor der Kathedrale. Aber der Restaurantmanager muss die enttäuschende Mitteilung machen, dass das Restaurant voll sei und wir in zwei Stunden wieder kommen sollten. Wir denken, dass das Restaurant besonders gut sein muss, da es ausgebucht ist und wollen an einem anderen Abend reservieren. Ganz anders dann auf der Via Vittorio Emanuele, Palermos Flaniermeile. Dort wartet vor jedem Restaurant ein Ober, der mit allen möglichen Superlativen uns zum Bleiben bewegen will. Doch wir denken, es wäre hier zu touristisch und gehen trotz zunehmenden Hungers weiter, in Richtung Normannen-Palast. Dabei verlieren wir die Orientierung und finden schließlich auf einer sehr belebten Straße, die wir zuvor mit der Taxi gefahren sind, zurück zu unserem Viertel. Dort liegt auf einem kleinen Platz die Osteria a figghia ru Mafuni. Müde setzen wir uns in Freie. R. bestellt den Schwertfisch, ich die Pasta con le sarde, das typisch sizilianische Nudelgericht: Sardinen, eine Sauce mit Fenchel und Rosinen, darauf Semmelbrösel. Etwas trocken, aber interessante Aromen und verglichen mit Deutschland höchst preiswert.  

Streetfood und Streetart

18. April 2026   Ein Tag zur Orientierung und zum Ankommen. Eine Ferienwohnung hat den Nachteil, dass man ohne Hotelfrühstück auskommen muss. Aber das hat auch einen positiven Aspekt. Man taucht viel schneller ins fremde Leben ein. Wir gehen in die Panificio Irmanà. R. wählt ein Schokoladencroissant, ich ein Nusshörnchen. Auf dem Platz vor der Bäckerei trinken wir unseren kräftigen Cappuccino, beobachten das morgendliche Leben. Gegenüber ein Bestattungsgeschäft. Ein älterer Herr, wohl der Inhaber, sitzt an einem kleinen Tisch, trinkt seinen Kaffee, ein weiterer Mann setzt sich zu ihm. Neben uns ein Tisch mit einigen Männern, wohl Frührentner, die den Stadtplan studieren. Später fahren sie mit ihren Motorrädern an uns vorbei. Und die nahe Kreuzung. Viele pirschen sich vorsichtig heran. Ein Roller rast darüber und hupt seins schrilles hohes C. Zum Bezahlen müssen wir wieder ins Geschäft. Die Besitzerin ist grauhaarig, trägt aber ein flottes T-Shirt und ist immer sehr freundlich, wenn wir in den folgenden Tagen bei ihr einkaufen. Unsere Wohnung liegt direkt am Capo-Viertel, einem der interessanten Plätze für Street-Art in Palermo. Die blechgedeckten Häuser, die wir am Vorabend von unserer Terrasse aus sahen, sind von zahlreichen Graffiti geschmückt, manche auf den Rollläden der Werkstätten, so dass man sie nur am Feierabend sehen kann. Wir gehen durch die engen Gassen, bestaunen den Phantasiereichtum der Bilder, die surreal, realistisch, politisch sind: Ein Mann an einem Haken, der einen kahlen Baum in der Hand hält. Ein Vogel auf einer Amphore, ein Rieseninsekt auf einem Sessel (vom Künstler signiert), Kinder mit Luftballons, EAT THE RICH in großen Buchstaben, ein Krokodil tanzt im Tütü, dazu: Love diversity. Ein Porträt von Argo Secondari, der gegen die Faschisten kämpfte. Zwei Rottweiler (sie wohnen in diesem Haus).  Dies ist ein Museum mitten im Leben und das Leben scheint hier hart zu sein: Neben kleinen Werkstätten, einem verlassenen Haus ohne Dach, ein lost Place, auch einige Wellblechhütten, in denen Menschen wohnen: auf dem Gehweg steht ein Sofa, ein Blick in den Innenraum zeigt Bett und Stühle. Wir wollen nicht stören. Doch der Mann, der auf dem Sofa sitzt, fordert uns auf, weiterzugehen. An der nahen Piazza Beati Paoli endet der Mercateo del Capo. Wir gehen die enge Straße hinauf, vorbei an touristischen Ständen mit Keramik, hören dann schon die Rufe der Streetfood-Händler, Marktstände mit Fischen, die so aufgespießt sind, dass sie zu schwimmen scheinen – etwas makaber. Ein kleiner Haifisch liegt zwischen Muscheln, Sardinen und Krebsen. Farbenprächtige Gemüsestände. Die Händler drücken uns alles Mögliche zum Probieren in die Hand: Arancini, meines süß schmeckend, R’ s sehr scharf, Lasagne – R. ist begeistert. Frittierte Sardinen. Wir suchen etwas Ruhe und finden sie in einer Kirche, die von außen eher schäbig aussieht, innen dagegen in voller Pracht erstrahlt. Die Chiesa dell’immacolata Concezione steht in größtem Kontrast zur Außenwelt, und das ist nicht nur heute so, sondern war sicherlich bereits so im Barock, als sie gebaut wurde. Außen Gedränge, die Rufe der Händler, innen Ruhe und Kontemplation. Wir staunen vor allem über die Marmorintarsien. Großartig die zwei Altarvorsätze mit der Heiligen Rosalia und der Darstellung der Quelle des Lebens. Dass mit kunstvoll zusammengesetzten Marmorplättchen perspektivische Räume, Licht und Schatten dargestellt werden können, realistisch und zugleich in kristalliner, dem zeitlichen Verfall enthobener Schönheit, erscheint wunderbar. Am Ende der Marktstraße angekommen, überlegen wir, was wir für den Abend einkaufen wollen. Wir benötigen Brot. Ein älterer Mann steht an einem kleinen Tisch, vor sich Sesamwecken, die gut aussehen. Wir wollen nur diese Wecken, nicht mehr. Er wirkt enttäuscht. Schließlich stimmen wir zu, dass er aus einem Behälter unter dem Tisch etwas wie Leber oder Herz oder Kutteln hervorholt, auf die Brote legt, Zitrone darüber träufelt und uns auffordert, das sofort zu essen. Zuerst sind wir ziemlich skeptisch. Aber es schmeckt vorzüglich: Es ist ein Milz-Sandwich, das berühmte Pane ca’meusa schettu („Shettu“ bedeutet nur mit Zitronensaft, nicht mit Käse). Wir stellen uns in den Schatten eines Baumes und genießen diese Spezialität, die – wie ich später lese – aus dem Ghetto von Palermo stammt. Die Juden mussten in den Schlachthöfen der Christen arbeiten und konnten sich nur die Innereien leisten. Sie aßen schon damals vor mehr als 500 Jahren das Pane ca’meusa. 1492 wurden sie aus Palermo vertrieben. Doch ihr Essen ist bis heute eine Spezialität. Für den Abend kaufen wir verschiedenes Streetfood, von frittierten Tintenfischen bis hin zu Sardinenröllchen mit einer Füllung aus Rosinen, Pinienkernen, Semmelbröseln und Gewürzen. Dass hier Tomaten und Mandarinen jeweils nur einen Euro das Kilo kosten, freut den Schwaben. Doch noch mehr, dass sie unvergleichlich gut schmecken. Die Mandarinen duften, wenn man sie schält. Die Tomaten sind fest und doch süß und intensiv. Abends genießen wir das Streetfood auf der Terrasse mit einer Flasche Wein.

Das grausame Leben der Heiligen - Diözesanmuseum

19. April 2026

Die Kathedrale von Palermo ist ein merkwürdiges Gebäude. Sie ist erstaunlich lang. Die einzelnen Teile des Gebäudes passen nicht zusammen. Rechts – von der Via Vittorio Emanuele aus betrachtet – die arabisch wirkende Apsis, ungefähr in der Mitte eine große Kuppel, links ein gotischer Turm, der nur durch Spitzbogenarkaden mit dem Hauptgebäude in Verbindung steht. Doch an diesen disparat wirkenden Teilen lässt sich die Geschichte dieser Kathedrale ablesen: Sie war eine Moschee, wurde nach einem Erdbeben wieder aufgebaut und im Klassizismus nochmals umgebaut. So spiegelt dieses Kathedrale Palermos Geschichte wider.

Da heute Sonntag ist, können wir vormittags nicht ins Innere. Eine Messe wird gefeiert. Deshalb gehen wir ins Diözesanmuseum. Dabei kommen wir am großen Festwagen mit der Heiligen Rosalie vorbei, der beim Stadtfest im Juli durch die Straßen fahren wird. Wie wichtig für Sizilien die Heiligen sind, zeigen die Kunstwerke im Museum. Besonders eindrucksvoll ist die Skulptur der Heiligen Agathe, die sich einer Heirat widersetzte und der deshalb beide Brüsten abgeschnitten wurden: Sie trägt sie in ihrer Hand. Grausamkeiten in den Heiligenviten gibt es Sizilien einige. Dass es den Heiligen genauso schlimm oder noch schlimmer ging wie den Gläubigen, sie aber wegen ihrer irdischen Leiden in den Himmel der nie endenden menschlichen Erinnerung kamen, ist der Trost der Religion. Im Diözesanmuseum gibt es eine schwarze Madonna, die archaisch wirkt, und ein Bild, in dem man kleine Drachen aus einer Heiligen fliegen sieht: Magisches zeigt sich hier, durchaus vergleichbar mit afrikanischer Kunst. Doch dieses Museum ist auch ein Palast des Prunks und Reichtums: Die Bischöfe lebten wie Fürsten. Ein Bischofsstuhl ist wie ein Thron gestaltet. Oft – auch hier im Museum – finden wir Kunst in einer Art Vitrine, Installationen häufig mit dem Jesuskind, das auf einem weichen Bett liegt, umgeben von Kunstblumen in kleinen Vasen. Offenbar ein Versuch, dem Jesuskind eine magische Realität zu verleihen.

Nachmittags können wir in die Kathedrale hineingehen. Sie ist innen ganz anders als außen: Ein klassizistischer Raum, weit entfernt von arabischer und gotischer Architektur. Die Sarkophage der deutschen Kaiser wirken wie neu, so perfekt sind die roten Marmorsäulen und der Marmorsarg. Fast tausend Jahre ist es her, dass Friedrich II. lebte. Die Sarkophage erinnern an ihn, ohne wirklich an ihn zu erinnern, sagen nichts über seine Welt, sein Denken und Fühlen. Versteinerte Vergangenheit.

Wir steigen hinunter in die Krypta der Kathedrale. Dort finden sich alte Mauerreste aus römischer Zeit und antike römische Sarkophage, die für Erzbischöfe wieder verwendet wurden. Schon erstaunlich, dass sich christliche Würdenträger in heidnischen Sarkophagen bestatten ließen. Dies zeigt, wie gegenwärtig die Antike hier bis ins 18. Jahrhundert blieb.

Abends in der Pizzeria Frida: Wir sind uns einig, dass wir die besten Pizzen unseres Lebens dort genossen haben.

 

 

Kulturelle Dialog im Mittelalter – der Normannenpalast

20. April 2026 Ist der Normannenpalast jetzt im April bereits ein Opfer von Overtourism? Jedenfalls wartet eine lange Menschenschlange, hereingelassen zu werden, und als wir schließlich die Sicherheitskontrolle durchlaufen haben und zur Cappella Palatina wollen, müssen wir uns schon wieder in eine nie zu enden scheinende Schlange einreihen. Schließlich fordert uns ein Museumsmitarbeiter auf, in die oberen Räume zu gehen. Wir sind enttäuscht.  Wir wollten keine Fresken des 18. Jahrhunderts anschauen, obwohl sie aufgrund ihrer schwebenden Leichtigkeit sehr hübsch sind. Doch dann betreten wir die Sala dei Venti und sind endlich im 12. Jahrhundert angekommen. Von dort gelangen wir in das Zimmer Rogers und sehen die berühmten Mosaiken. Sie zeigen keine menschlichen Heldentaten, sondern die Natur: Bäume, Löwen, Pfaue, Schwäne, Hirsche und Jäger in einer beeindruckenden Schönheit. Dieser Raum feiert die Natur, nicht die Religion. Die Ornamente wirken orientalisch. Roger war gebildet, sprach vermutlich arabisch, förderte den Wohlstand seines Reiches durch Handel mit Nordafrika und Byzanz. Er war wohl eher ein östlicher Herrscher, hatte einen Harem und genoss einen erstaunlichen Reichtum. Eigentlich wollen wir den Normannenpalast verlassen und auf die Besichtigung der Capella Palatina verzichten. Doch jetzt am frühen Nachmittag ist die Menschenschlange viel kleiner geworden. Wir müssen nun nur noch eine Viertelstunde anstehen und sehen nun doch noch die Hofkapelle Rogers II. Dass sie ins UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen wurde, bewirkt einen ungeheuren Andrang von Touristen. Die Wände scheinen zu sprechen, erzählen Geschichten, erheben die Erzählungen der Bibel in eine überirdische Schönheit, da sie sich vor einem goldenen Hintergrund abspielen. Tausende von Mosaiksteinen mussten hier zusammengesetzt werden. Die handwerkliche Meisterschaft vermutlich arabischer und byzantinische Künstler war enorm. Die christliche Botschaft hat hier noch einen antik römischen Charakter und wird von arabischen Ornamenten umrahmt. Auch finden sich arabische Sufi-Schriftzeichen. So ist diese Kapelle ein Sinnbild für ein Zusammenwirken von Menschen unterschiedlicher Religion und Herkunft. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass dieser Raum so viele Menschen fasziniert.

Historische Kontinuität: bei den Nachfahren Kaiser Friedrichs II.

21. April 2026 Wir besuchen den Palazzo Conte de Federico. Auf dem Weg zu ihm gehen wir am Normannenpalast vorbei, dann die steile Straße hinunter, als eine Pferdekutsche mit Touristen uns entgegenkommt. Das armen Pferd hat Schaum am Mund und versucht verzweifelt, die schwere Kutsche hochzuziehen. Seine Hufe rutschen auf dem Asphalt aus und es fällt mit den Hinterbeinen auf den Boden. Erst jetzt steigen die Touristen aus und gehen nebenher. R. kann das nicht mitansehen und hilft dem Kutscher, den Wagen hochzuschieben. Sie ist entsetzt über diese Tierquälerei. Nachdem wir einige enge Straßen entlang gegangen sind, den quirligen Verkehr nun schon gewohnt, unter Balkonen mit Wäsche, die zum Trocknen aufgehängt ist, erreichen wir den Palazzo Conte de Federico und hätten ihn fast übersehen, wenn wir nicht den Rennwagen des Grafen im Eingang entdeckt hätten. An der Kasse empfängt uns ein junger Mann freundlich und bittet uns, noch etwas zu warten. Er ist der junge Graf persönlich und ein ferner Nachfahre Kaiser Friedrich II. Um den Palazzo erhalten zu können, bietet die Familie Führungen an. Von außen eher etwas heruntergekommen und bescheiden wirkend, öffnet sich ein erstaunlicher Reichtum an Schönheit. Die Möbel, Vasen, Uhren, die Fließen auf den Böden, die in verschiedenen Farben tapezierten Zimmer wirken nicht wie ein Museum. Hier wohnt noch die Familie, feiert Feste, Musikabende und Parties. Wir sehen das Musikzimmer der Gräfin-Mutter, einer Sängerin. Auch kann man die Pokale bestaunen, die Vater und Großvater bei Autorennen gewonnen haben. Doch der Blick führt noch viel weiter zurück in die Geschichte: Über tausend Jahre alten Mauern gehen auf einen normannisch-arabischen Turm der alten Stadtmauer zurück. Vom Palazzo ist es nah zum Mercato da Ballaro. Er ist noch viel größer als der Mercato del Capo, bietet überreichlich Gemüse und Obst, Fische und Meeresfrüchte, Fleisch und Innereien. Er hat orientalischen Charakter, ist eine Art Suq. Neben Sizilianern arbeiten hier auch Araber und Afrikaner. Wir setzen uns an einen Tisch bei einem Stand mit Streetfood und lassen uns verwöhnen. Nicht nur das Essen ist ein Genuss. Allein den vielen Menschen zuzuschauen, ist es schon wert, hier zu sein. Selbstverständlich kaufen wir ein: große Zitronen, Mandarinen, Tomaten – alles sehr günstig.

Im Reich der Toten: die Kapuzinerkruft

22. April 2026 In der Kapuzinergruft von Palermo gehen wir an 2.000 Mumien vorbei. Die meisten sind an den Wänden senkrecht aufgestellt und blicken auf uns herab. Bei manchen sind noch Gesichtszüge erkennbar. Die Haut umspannt wie Leder die Schädelknochen. Die Augen sind dunkle Höhlen. Aus den Gewändern schauen die Hände heraus, von Pergamenthaut überspannte Knochen. Zuerst empfinde ich Abscheu, denke an Zombies eines Horrorfilms. Doch wenn man länger durch die vielen Gänge geht, manche Inschriften liest, werden diese Gestalten vertrauter. Es waren einmal Menschen wie wir. Übrig blieben Haut und Knochen. Die Kleider werden zu Rupfen. Doch ich kann mir vorstellen, wie sie einmal waren. Sie sind hier im Tod getrennt versammelt nach Stand, Geschlecht und Beruf. Es gibt ganze Familien, die durch irgendein Unglück gemeinsam umkamen. Es gibt die ältesten Mumien ab der Jahrhundertwende um 1600: Kapuzinerpadres, deren Körper nun schon über 400 Jahre überdauert haben. Die jüngste Mumie der Rosalia, die 1920 verstarb, ist so gut erhalten, als ob das Kind noch leben würde. Bei ihr wurden Chemikalien zur Mumifizierung eingesetzt, während die anderen Mumien in diesem Kellergewölbe einen natürlichen Mumifizierungsprozess durchmachten. Diese Mumien erinnern an den Tod, den wir so oft verdrängen. Tod ist die Abwesenheit von Leben: Starrheit, ausgetrocknete Lederhaut, Knochen, keine Freude, keine Lust, aber auch kein Leid, kein Streit, kein Kampf. Dort unten herrscht ein Ruhe, die ich zuerst als bedrohlich empfinde, aber nach einiger Zeit auch beruhigend. Denn der Tod macht uns alle gleich. Tot bedeutet auch Frieden. Ein Besuch dort unten lehrt, wie unwichtig wir als Individuen sind, aber auch, was Vitalität bedeutet: Das Leben geht weiter. Jetzt sind wir gerade noch da, bald sind es unsere Nachkommen. Abends in dem Restaurant, das am ersten Abend uns wegen Überfüllung abgewiesen hat. La Galleria ist auch heute bis auf den letzten Platz belegt. Obwohl wir reserviert haben, müssen wir mit dem etwas ungemütlichen Platz am Eingang zur Toilette und Küche Vorlieb nehmen. Das Essen ist gut, aber nicht überragend. Doch die Kellner wirken gestresst und überfordert. Auf den Wein warten wir fast eine Viertelstunde. Warum ist dieses Restaurant so gut besucht? Wir würden jedenfalls dort nicht mehr hingehen.  

Ein Frauenkloster, eine Kirche, die an eine Moschee erinnert, und Erinnerungen an die Mafia

23. April 2026 Unser letzter ganzer Tag in Palermo. Wir gehen zur Fontana Pretoria und von dort zur Kirche und zum Kloster der Heiligen Caterina. Die Kirche ist reich an Marmorintarsien, Deckengemälden und Altarbildern. Wir genießen diese Opulenz. Glaube an Gottes Herrlichkeit wird hier durch künstlerische Schönheit und einen Reichtum an Forman, Farben und Erzählungen geweckt und gefördert. Ich steige die vielen Stufen hinauf auf das Dach der Klosterkirche. Palermo von oben: der Hafen mit einem großen Kreuzfahrschiff, der Monte Pellegrino im Norden und der Monte Catalfano im Osten. Dazwischen die Ebene mit dem Gewirr von Straßen, Häusern und Dächern. Das Kloster der Heiligen Catarina war ein Frauenkloster. Von oben herab, hinter einem Gitter konnten die Klosterschwestern in die Kirche hinabsehen. So waren sie Teil der Gemeinde und doch separiert. Das Kloster hat einen ziemlich großen Innenhof mit einem Brunnen in der Mitte. Die einzelnen Zimmer der Klosterschwestern haben jeweils eine kleine Terrasse mit einem Blick auf den Brunnen. Es fällt auf, dass in fast jeder Klosterzelle eine Art Glasvitrine steht, in der sich ein Jesuskind befindet, das sehr realistisch dargestellt ist und auf einem Kissen ruht. War dieses Objekt ein Ersatz für ein eigenes Kind? Das Leben hier in diesem Kloster war wohl nicht allzu asketisch. Jede Klosterschwester hatte eine Terrasse mit Blick auf den Springbrunnen und vielleicht gab es damals schon eine so gute Klosterbäckerei wie heute: Die Besucher warten in einer langen Schlange, um sich eine Süßigkeit kaufen zu können. Wir wollen nicht so lange anstehen, setzen uns in die Antica Pizzeria Bellini und trinken einen Espresso. Gut ausgeruht werfen wir einen Blick in die Chiesa di San Cataldo und befinden uns wieder in normannisch-arabischer Zeit. Die 1160 fertiggestellte Kirche hat drei Kuppeln, die an eine Moschee erinnern. Die Kapitelle der Säulen werden von arabischen Schriftzeichen verziert. Dass in Palermo so verschiedene Epochen so nah beieinander sind, dass man vom Barock ins fernste Mittelalter stolpert, Christliches und Mohammedanisches bruchlos ineinander übergehen, ist faszinierend. Hier wird Geschichte auf eine Weise bewusst wie selten an einem anderen Ort. Auf dem Rückweg werfen wir einen Blick ins No Mafia Memorial. Verstörend ist, hier zu erfahren, dass es die Mafia noch immer gibt, obwohl wir als Touristen nichts davon gemerkt haben. Das Memorial gibt erschütternde Einblicke in Armut, die Vernachlässigung des Südens, die Auswanderung in die USA, die kleinen Banditen, die wegen ihrer Armut zu Kriminellen wurden, die faschistischen Wurzeln der Mafia, den weltweiten Rauschgifthandel. Palermo hat auch eine abstoßende Seite. Nach der weniger guten Restauranterfahrung am Vorabend gehen wir heute in einem langen Abendspaziergang durch die nun weitgehend leer geräumte Gasse des Capo-Marktes zum Teatro Garibaldi in Richtung Hafen. La Gondola ist ein sehr gemütliches Restaurant mit Bildern von Filmstars und einer wunderbaren Küche.  

Zum Abschied: Wiedersehen mit der „Architektur des Orgien Mysterien Theaters“

24. April 2026 Dank des gut funktionierenden Gepäckaufbewahrungs-Networks Radical Storage können wir unbesorgt unsere Koffer in einem Seifengeschäft an der Via Vittorio Emanuele lagern und noch einmal auf dieser Straße flanieren. Unser Ziel ist das Museum zeitgenössischer Kunst im Palazzo Riso, wo R. etwas ganz Erstaunliches entdeckt: Sie findet hier die Lithografie „Die Architektur des Orgien Mysterien Theaters“ von Hermann Nitsch, die sie in jungen Jahren als Buchbinderin aus vielen Einzelblättern zusammenmontiert hat. Erinnerungen an den Künstler werden wach: Er war ein ziemlich unangenehmer Zeitgenosse. Bei der Vernissage hantierte er damals mit Ochsenblut. An der Piazza Bolgoni finden wir ein ruhiges Restaurant. Schwertfisch und Lasagne ist unser Abschiedsmahl. Dann gehen wir zurück zu dem Geschäft, wo unser Gepäck lagert, kaufen intensiv riechende Zitronenseifen und steigen in Andreas Vito ein, der schon wartet und uns zum Flughafen bringt.